Unterwegs im Berner Oberland
Sechs Tage, drei Stationen und eine Landschaft, die den Blick immer wieder nach oben zieht: Von Grindelwald über Interlaken bis Gstaad erkunden wir das Berner Oberland mit Mountainbike, Wanderschuhen und spektakulären Bergbahnen. Dabei entdecken wir nicht nur Gipfel und Gletscher, sondern auch Jugendherbergen, die durchaus mehr sind als ein Dach über dem Kopf.
Eigentlich wollte ich im Berner Oberland primär Mountainbike fahren und wandern. Tatsächlich habe ich sechs Tage lang vor allem eines gemacht: nach oben geschaut! Zur Eigernordwand, auf Gletscher, Wasserfälle und schneebedeckte Gipfel. Dass man dabei gelegentlich fast gegen einen Baum pedaliert oder über die eigenen Füße stolpert, ist im Berner Oberland wohl normal. Denn nicht so viele Landschaften lenken den Blick so konsequent himmelwärts wie diese Region. Drei Jugendherbergen dienten uns dabei als Basislager für sechs Tage voller Touren, Begegnungen und schöner Momente.
Jugendherberge? Ja, genau.
Die Reaktion, wenn ich Leuten von dieser Reise erzähle, ist mitunter Erstaunen. Viele denken bei Jugendherbergen an Stockbetten, Schullandwochen und Schulskikursen sowie Gemeinschaftsduschen und Warteschlangen vor dem WC. Und tatsächlich: Mehrbettzimmer und gemeinschaftlich genutzte Sanitäranlagen gehören nach wie vor zum Angebot – und das ist auch gut so. Doch das Bild, das man von Jugendherbergen im Kopf hat, ist vermutlich nicht mehr vollständig. Unsere sechs Nächte im Berner Oberland verbrachten wir in Doppelzimmern mit eigenem Bad. Und die Jugendherbergen erwiesen sich als gute Ausgangspunkte, um die Region zu erkunden. Natürlich sind sie auch alle gut ans öffentliche Verkehrsnetz angebunden.
Station 1: Grindelwald – dem Eiger ganz nah
Wer nach Grindelwald fährt, braucht im Grunde kein Navigationsgerät. Irgendwann genügt es, dem Eiger zu folgen. Er begleitet einen auf den letzten Kilometern, verschwindet kurz hinter einem Hügel und steht wenig später wieder vor einem. Riesig! Fast einschüchternd. Seine legendäre Nordwand wirkt selbst an Sommertagen dunkel und kühl. Die 1.800 Meter hohe Eigernordwand ist nicht einfach eine berühmte Felswand, sondern ein Stück Alpingeschichte. Kaum ein Berg der Alpen ist mit so vielen Geschichten verbunden. Die zahlreichen Todesfälle unter Bergsteigern haben die Nordwand zugleich zu einem Sinnbild für den schmalen Grat zwischen Abenteuer und Hybris gemacht. Erst 1938 gelang einer deutsch-österreichischen Seilschaft die Erstbesteigung – nach drei Tagen in der Wand. Fast acht Jahrzehnte später verschob der Schweizer Ausnahmebergsteiger Ueli Steck die Maßstäbe gehörig: 2015 durchstieg er die Eigernordwand in gerade einmal 2 Stunden, 22 Minuten und 50 Sekunden.
Logenplatz mit Blick auf den Eiger
Die Jugendherberge Grindelwald bietet 34 Zimmer für 135 Personen, liegt ruhig oberhalb des Ortszentrums und ist ein Ensemble aus drei Häusern: dem traditionellen Chalet, einem modernen Neubau und dem romantischen Waldhüsli. Sie ist natürlich kein Designhotel mit Infinitypool und mondänem Spa. Doch spätestens beim Frühstück erschließt sich, warum viele Gäste anschließend minutenlang mit der Kaffeetasse in der Hand auf der Terrasse verweilen. Die Eigernordwand scheint zum Greifen nah, und ihr Anblick wirkt selbst nach dem dritten Kaffee noch unwirklich.
Das Frühstücksbuffet ist sehr in Ordnung. Die Kaffeemaschine offeriert sogar veganen Cappuccino, was all jene, deren Körper auf Kuhmilch eigenwillig reagieren, sehr glücklich macht. An den Nebentischen sitzen eine Familie aus Südkorea, zwei wandernde Rentner aus Kanada und eine Gruppe junger Schweizer Mountainbiker. Auch so etwas, was das Jugendherbergsgefühl ausmacht: Hier treffen Menschen unterschiedlichster Herkunft und jeden Alters ganz selbstverständlich aufeinander. Unser Zimmer ist schlicht, hell und angenehm ruhig, mit einem feinen Ausblick auf Bäume und die Nordwand. Hier kann man mitten in den Schweizer Bergen und direkt an Wander- und Radwegen wohnen, ohne dafür tief in die Geldbörse greifen zu müssen. Zur Busstation sind es zu rund zwei, ins Ortszentrum etwa 15 Gehminuten.
Schweißtreibend, aber aussichtsreich
Grindelwald ist ein Paradies für alle, die sich draußen bewegen möchten. Mehrere Hundert Kilometer Wander- und Mountainbikewege ziehen sich durch die Region. Wir haben die Mountainbikes im Gepäck und entscheiden uns für den Bussalp Loop. Keine epische Ganztagestour, bei der unsere Oberschenkel explodieren, aber durchaus fordernd. Direkt vor unserem Quartier steigt die Straße an. Mit jeder Kehre wird das Tempo gemächlicher und der Ausblick größer. Wir steigen immer wieder vom Rad ab. Mal für Fotos, mal für einen Schluck Wasser, meistens aber, weil man an dieser Landschaft nicht achtlos vorbeifahren kann. Stets an unserer Seite: unser neuer Freund, der Eiger.
Oben angekommen ziehen sich die Alpwiesen in klaren Linien über die Hänge, dazwischen stehen einzelne Holzhütten. Darüber die unverändert gewaltige Bergkulisse. Hier gibt es überall Wege für ambitionierte Touren ebenso wie gemütliche Panoramarunden. Wer noch mehr Abwechslung haben oder seine Beinchen schonen möchte, kombiniert Muskelkraft mit Bergbahnen und gestaltet seine Etappe ganz nach Geschmack.
Ein Ausflug über den Wolken
Um das Jungfraujoch kommt man in Grindelwald kaum herum. Seit mehr als hundert Jahren bringt die Jungfraubahn Besucher auf 3.454 Meter zur höchstgelegenen Bahnstation Europas – eine ingenieurtechnische Meisterleistung, die bereits die Fahrt durch den Eiger zu einem Erlebnis macht. Die schnellste Verbindung führt von Grindelwald mit dem Eiger Express zum Eigergletscher, wo wir in die Bahn zum „Top of Europe“ umsteigen.
Oben angekommen, verliert man schnell das Zeitgefühl, sollte aber für die einzelnen Stationen schon rund zwei Stunden einplanen und das eine oder andere zusätzliche Kleidungsstück dabei haben. Denn es ist zum Teil doch etwas frisch. Vor allem im Eispalast, in dem spiegelglatte Gänge vorbei an kunstvoll aus dem Gletschereis gemeißelten Skulpturen führen. Entlang der spiegelglatten Gänge und Hallen begegnen uns Adler, Pinguine und Bären. Von der Sphinx-Aussichtsplattform reicht der Blick über den mächtigen Aletschgletscher bis zu den Gipfeln der Walliser Alpen. Wer möchte, spaziert hinaus in den ewigen Schnee oder macht sich auf den Weg zur Mönchsjochhütte, die von April bis Oktober in rund 50 Minuten erreichbar ist. Familien zieht es dagegen häufig in den Snow Fun Park. Wer noch mehr Höhe sucht, kann sich dort mit dem Flying Fox über das ewige Eis des Aletschgletschers schwingen. Rundherum: Schnee, Fels und Gletscher, selbst mitten im Sommer. Natürlich ist das Jungfraujoch kein Geheimtipp. Dafür kommen schlicht zu viele Menschen hierher. Aber angesichts dieser Landschaft ist das irgendwann Nebensache.
Station 2: Interlaken – zwischen zwei Seen
Nach zwei Tagen in Grindelwald fällt der Abschied schwer. Uns beschleicht das Gefühl, viel zu vieles versäumt zu haben, wartet hier doch hinter jeder nächsten Kurve das nächste Panorama. Wir aber müssen weiter ins nur eine halbe Autostunde entfernte Interlaken. Dieses liegt genau dort, wo sich Thuner- und Brienzersee beinahe berühren. Dazwischen schlängelt sich die türkisgrüne Aare durch die Stadt, über der im Minutentakt Paragleiter ihre Kreise ziehen, bevor sie auf der Höhematte landen. Die Höhematte ist eine weitläufige Wiese mitten im Zentrum, gesäumt von Grandhotels und mit freiem Blick auf Eiger, Mönch und Jungfrau. Wer hier zum ersten Mal ankommt, wähnt sich auf einer riesigen Freiluftbühne. Und irgendwie sind alle in Bewegung: mit dem Velo, im Kajak auf der Aare, im Zug oder eben lautlos am Gleitschirm durch den Himmel. Unsere Jugendherberge liegt zentral zwischen Aare und einer schönen Allee, gleich neben dem Bahnhof. Wer morgens einen Ausflug plant, steht also wenige Minuten später schon am Gleis. Im Vergleich zu jener in Grindelwald ist sie größer (60 Zimmer) und moderner. Riesige Glasflächen, viel Holz und helle Räume erinnern uns eher an ein zeitgemäßes Stadthotel.
Weil der Kreislauf der Komplizin schwächelt, birkenstocke ich zunächst alleine durch Interlaken. Und ich bin ziemlich angetan. Vor allem der Höheweg, die repräsentative Promenade, ist sehr sexy. Entlang der prachtvollen Hotels aus der Belle Époque – darunter das Victoria-Jungfrau Grand Hotel & Spa und das Grand Hotel Beau Rivage – geht mein Blick immer wieder über gepflegte Parkanlagen, alte Bäume und die Höhematte. Interlaken erinnert an einen mondänen Kurort des 19. Jahrhunderts. Und dann ist da noch die Lage: Man möchte bleiben, zugleich aber sofort wieder los. Zum Niederhorn, auf die Schynige Platte, mit dem Schiff über einen der beiden Seen oder ins Lauterbrunnental. All das ist in Schlagdistanz.
Goethe & Tolkien waren da
Unsere nächste Mountainbike-Tour startet im Lauterbrunnental, das zu jenen Landschaften gehört, die fast unwirklich erscheinen. Senkrechte Felswände steigen mehrere Hundert Meter empor, Wasserfälle stürzen allerorts ins Tal und kleine Höfe kleben an den Hängen wie behutsam platzierte Miniaturen. Man kann nachvollziehen, warum Johann Wolfgang von Goethe 1779 der fast 300 Meter hohe Staubbachfall zu seinem Gedicht „Gesang der Geister über den Wassern“ inspirierte. Rund 130 Jahre später ließ sich auch der britische Schriftsteller J. R. R. Tolkien vom Lauterbrunnental zu seinen fantastischen Welten anregen. Es heißt, die spektakuläre Landschaft mit ihren steilen Felswänden und Wasserfällen habe als Vorbild für das sagenumwobene Bruchtal in „Der Herr der Ringe“ gedient.
Während Goethe und Tolkien hier Inspiration fanden, finde ich vor allem eines: mein Fahrradnavi zum Verzweifeln. Es schickt uns 30 Minuten in die falsche Richtung und lässt mich kurz darüber nachdenken, ob sich das Teil nicht relativ gut in den nächsten Kanton schleudern ließe. Fahrtechnisch verlangt auch diese Rundtour keine Höchstleistungen. Dafür bietet sie reichlich Ausblicke und Eindrücke. Felswände, Wasserfälle und die schneebedeckten Gipfel von Eiger, Mönch und Jungfrau begleiten uns über weite Strecken der Tour. Die Landschaft ist schlichtweg atemberaubend.
Zum Niederknien, das Niederhorn
Auch das Niederhorn haben wir auf unsere „To-do-Liste“ gesetzt. Das Panorama, das sich uns dort fast auf Augenhöhe präsentiert und das wir mit einer Gruppenumlaufbahn – einer Mischung aus Gondel- und Seilbahn – erreichen, kennt keine Hauptdarsteller. Mal liegt der tiefblaue Thunersee vor uns, dann wieder Eiger, Mönch und Jungfrau. Mit etwas Glück hätte uns auch ein Steinbock, der dort keine Seltenheit ist, begegnen können. Ein Fernglas lohnt sich aber in jedem Fall.
Kulinarisch sammelt Interlaken bei uns Pluspunkte. Das dreigängige Abendessen in der Jugendherberge, die 2012 eröffnet wurde und moderne Zimmer bietet, ist wirklich gut. Es gibt Indisches Bio-Tofucurry mit Pouletstreifen, frischem Gemüse, Parfümreis und Joghurt. Zum Dessert gibt es noch eine Kugel Hasli-Glacé. Mit ihrem „Yoummi“-Konzept haben die Schweizer Jugendherbergen ihre Gastronomie neu gedacht. Auf den Teller kommen saisonale, regionale und überwiegend vegetarische Gerichte, die nachhaltig und trotzdem leistbar sind. In der Jugendherberge Interlaken befindet sich zudem das öffentliche À-la-carte-Restaurant „Yoummi 3a“, das italienische Klassiker und Asian Fusion serviert.
Station 3: Gstaad – wo Luxus leise auftritt
Nach Grindelwald und Interlaken fühlt sich Gstaad, unsere letzte Station, ein wenig wie eine andere Schweiz an. Die Berge wirken sanfter, die Täler weiter. Und obwohl der Ort zu den bekanntesten Luxusdestinationen der Alpen zählt, begegnet einem der Luxus erstaunlich unaufgeregt. Natürlich gibt es edle Boutiquen und exklusive Hotels, doch Gstaad präsentiert seinen Wohlstand nicht mit lauter Geste, was uns persönlich sehr zusagt. Auf der autofreien Promenade mischen sich Bergfexe in Funktionskleidung, einkaufende Einheimische und Gäste der internationalen Luxushotels. „Come up, slow down!“ heißt der Slogan des Ortes. Auch wir sind sehr entschleunigt unterwegs.
In jedem Fall schön, dass man unweit einer so mondänen Destination nicht zwangsläufig in einem Luxushotel wohnen muss. Die Jugendherberge im benachbarten Saanen fügt sich mit ihrem modernen Design, das alpinen Charme mit zeitgenössischem Stil verknüpft, selbstverständlich ins Ortsbild ein. Auffallend viele Familien mit Kindern verbringen hier ihren Urlaub, was uns nicht überrascht, da auch hier Wanderwege, Rad-Routen und zahlreiche Ausflugsziele vor der Haustür liegen. Paare und Aktivurlauber finden hier aber ebenso einen unkomplizierten Ausgangspunkt. Apropos: Zu den besonderen Erlebnissen unseres Aufenthalts gehört eine gemeinsame E-Bike-Tour mit dem ehemaligen Skirennfahrer Michael von Grünigen zum idyllisch gelegenen Arnensee. Der gebürtige Saanenländer kennt die Gegend wie kaum ein anderer. Fast an jeder Ecke wird „MvG“, wie ihn viele in der Schweiz nennen, freudig begrüßt. Ein kurzes Winken hier, ein paar Worte dort, immer ein Lächeln. Mit „MvG“ unterwegs zu sein, eröffnet ewigem Skisport-Fan eine interessante Perspektive auf die Gegend, die durch seine persönlichen Geschichten eine weitere Seite zeigt.
Gstaad zählt seit Jahrzehnten auch zu den bevorzugten Rückzugsorten des internationalen Jetsets. Persönlichkeiten wie Bernie Ecclestone oder Madonna besitzen hier Chalets, auch Gunter Sachs und Roman Polanski lebten hier. Dass Gstaad trotz seiner internationalen Prominenz nie zu einer beliebigen Luxusdestination geworden ist, liegt auch an den strengen Bauvorschriften. Sie sorgen bis heute dafür, dass selbst exklusive Neubauten im traditionellen Chaletstil errichtet werden. Bausünden? Gibt es hier nicht.
Auch landschaftlich ist das Gstaad-Saanenland anders als die Gegend rund um Eiger, Mönch und Jungfrau. Statt schroffer Felswände bestimmen sanfte Almen und breite Täler das Bild. An unserem zweiten Tag fahren wir noch zum Lauenensee. Dessen Rundweg, den man gemächlich in einer knappen Stunde bewältigt, ist einfach idyllisch. Mal verläuft er direkt am Wasser, dann wieder durch kleine Waldstücke und über moorige Wiesen. Und weil man im Saanenland nicht nur wandern und Rad fahren kann, hätten wir an diesem Tag eigentlich noch etwas anderes vorgehabt: ein Outdoor-Fondue im „Fondueland Gstaad“. Die Idee dahinter ist nämlich charmant: Nach vorheriger Reservierung holt man einen Fondue-Rucksack mit Caquelon, Rechaud, Käse und Brot bei einer regionalen Molkerei oder in einem Dorfladen ab und macht sich damit auf den Weg zu einem von acht Fondue-Caquelons. Die überdimensionalen Caquelons aus Holz stehen an ausgesuchten Plätzen in der Bergwelt und sind zugleich Tisch und Sitzgelegenheit. So wird das Fondue selbst zum Bergerlebnis: unter freiem Himmel, mit den Bergen rundherum. Diesmal reichte unsere Zeit leider nicht dafür. Wir müssen wiederkommen.

In Sachen Transparenz: Vielen Dank an das Berner Oberland für die Unterstützung und Planung unseres Aufenthalts (Werbung, da Pressereise). Wir stellen nur Erlebniss und Aktivitäten vor, die wir selbst getestet haben und die wir Freunden empfehlen würden!















