Kloster, König und Kilometer
Oberammergau – die meisten Menschen verbinden mit der pittoresken Stadt am Alpenrand die hier alle zehn Jahre stattfindenden Passionsspiele, bei denen die ganze Stadt auf der Bühne steht. Dass jedoch die Region entlang des Flusses Ammer viel mehr bietet, zeigt ein Trips4me Ausflug per High-Tech-Rad unseres Autors Thomas Weiß.
Anders als Andrea und Sandra, die charmanten Gründerinnen von Trips4kids.de, im Vorspann zur Rubrik trips4ME texten, brauchen nicht nur Mütter manchmal eine Auszeit vom Familienalltag. Auch für familiär aktive Väter kann das eine hervorragende Idee sein! Als Kraftort, um die manchmal leer-gepowerten Eltern-Batterien aufzuladen, habe ich mir die Region um die bayerische Stadt Oberammergau ausgesucht. Als Kind war ich mehrmals im nahen Garmisch-Partenkirchen und Grainau, um mit meinen Eltern Wanderungen zu unternehmen. Oberammergau haben wir damals nie besucht – eine Lücke, die ich nun schließen will.
Die Anfahrt
Wer hier nicht mit der Bahn fährt, verpasst was. Schon die Regionalbahn von München nach Murnau ist ein Erlebnis dank des in Fahrtrichtung links funkelnden Starnberger Sees. Nach dem einstündigen Trip wartet in Murnau auf einem extra Gleis eine Fahrt durch die Geschichte. Die Strecke Murnau-Oberammergau (heute in 37 Minuten möglich) wurde 1905 als erste modern elektrifizierte Route in Deutschland eröffnet. Das bei Saulgrub liegende Wasserkraftwerk Kammerl, das damals die Energie liefert, kann man heute im Sommer besichtigen. Der Urlaub kann beginnen mit Blick auf grasende Kühe, galoppierende Pferde und grandiose Blicke auf die Ausläufer der Alpen. Da ich nur mit leichtem Gepäck reise, gehe ich zu Fuß von der Endhaltestelle in Oberammergau den gemütlich vor sich hin plätschernden Fluss Ammer in etwa zehn Minuten zum Hotel Böld, wo ich die nächsten zwei Tage verbringen werde.
Die Region
Der Fluss gibt auch der Region seinen Namen. Die Ammergauer Alpen erstrecken sich westlich von Oberammergau bis nach Füssen. Der gleichnamige Naturpark ist nur dünn besiedelt und bietet eine Vielfalt, die einzigartig ist. Neben Moorlandschaften, die einige Kurbetriebe durch Moorbäder nutzen, gibt es größten noch betriebenen Wiesmadlandschaften Deutschlands, dazu Berge wie die Kreuzspitze mit einer Höhe von 2185 Metern. Dazu teilweise noch forstwirtschaftlich genutzte Wälder und die Flusslandschaft der Ammer.
Die Bikes
Die Landschaft gefiel mir damals bei meinen Familienbesuchen als Kind, aber das lange Wandern war für meinen Bruder und mich doch manchmal etwas öde. Zwar habe ich heute eine neue Leidenschaft für das Erwandern einer Landschaft gewonnen, doch noch besser, stelle ich schnell fest, ist das Erfahren der Gegend per Rad. Als perfekt für den Wechsel von Asphalt, Forststraßen, Schotterpisten und Waldwegen in der Region erweist sich ein gemietetes Gravelbike. Irgendwo angesiedelt zwischen Rennrad und Mountainbike kann ich hier auf den Straßen mit Speed fahren, fühle mich dank der breiten Reifen und des stabilen Rahmens aber auch auf Schotter (= Gravel) sicher.
Erster Ausflug
Während des kurzen Aufenthalts (Freitag bis Sonntag) unternehme ich mit unserer Gravelbike-Reisegruppe zwei Ausflüge. Der erste, die “Königsrunde”, führt uns zu den zwei kulturellen Top-Sehenswürdigkeiten der Ammergauer Alpen. Nummer 1: Schloss Linderhof! Etwa 12 Kilometer von Oberammergau per Rad entfernt, erlebt man dort die ganze Illusionswelt von König Ludwig II. Auf einer Forststraße erreichen wir eine Art Hintereingang des in einem Tal gelegenen Areals. Über das ganze Gelände hat sich Ludwig mehrere mystische Orte errichten lassen.
Nach einem Tor taucht vor uns die Hundhinghütte auf. Der König ließ sie sich, damals noch weiter weg, jetzt an dieser Stelle rekonstruiert, nach einem Bühnenbild von Richard Wagners „Walküre“ errichten. Im Inneren: ein gewaltiger Baum, sowie zahlreiche Trinkhörner und Pelze. Hier las der König stundenlang alleine oder ließ von Dienern in Kostümen germanische Met-Gelage nachstellen. Erstaunlich, aber man kann weite Teile der Anlage um das Hauptschloss per Rad erfahren. Es lohnt sich, vom Maurischen Kiosk über dem Marokkanischen Haus bis zur kürzlich aufwendig komplett renovierten Venusgrotte, in der sich der König alleine Wagner-Opern aufführen ließ. Der König ließ sich im schmucken Hauptgebäude der Anlage per Tischleindeckdich den gedeckten Tisch aus dem unteren Stock in sein Zimmer kurbeln. Wir essen klassisch nach kurzer Fahrt von ca. 40 Minuten zum kulinarisch auch überaus ergiebigen Klostergasthof Ettal.
Die gegenüberliegende Beneditkinerabtei Ettal, Top-Sehenswürdigkeit Nr. 2 der Region, erleben wir durch kundige Erklärungen der Pater Josef und David. Besucher sollten sich die Führung nicht entgehen lassen. Das Kloster, als eine Machtdemonstration gegenüber dem Papst von Ludwig dem Bayern 1330 gegründet, erstrahlt heute im Glanz des Rokoko, alleine das Deckengemälde in der Klosterkirche ist spektakulär. Durch ein Wildgehege, ein ausgetrocknetes Flussbett und Waldwege geht es zurück nach Oberammergau (ganze Tour: 42,4 km, 290 hm). Die Kombination aus (Fahrrad-)Kilometer und Kultur ist perfekt, noch dazu waren Schloss und Kloster im Mai nicht überlaufen.
Zweiter Ausflug
Am zweiten Tag wird Strecke gemacht, ich kann das Gravelbike voll ausfahren. Es geht in die andere Richtung, die Ammer hoch Richtung Norden an den Soier See und ins Geizenmoos (37,7 km, 360 hm). Um 8 Uhr geht es los, zwischen blühenden Wiesen, urigen Gehöften und alten Moorbädern erweisen sich die Vorteile des Bikes. Die elektrische Schaltung des in Deutschland designten und in Taiwan hergestellten Merida Silex 9000 reagiert schnell auf die ständig wechselnden Befehle der Kippschalter am rechten Griff. Toni, unser regionaler Guide, klärt auf, etwa über die Gesundheit stiftenden Moorbäder in Bad Kohlgrub oder über die 19. römische Legion, die einst hier durch die Alpen zog, um später in der Varusschlacht im fernen Kalkriese unterzugehen.
Der Ort Oberammergau
Untergebracht sind wir im Hotel Böld am Ortsrand. Oberammergau besticht durch die an vielen Häusern präsente Lüftlmalerei, oft werden religiöse Themen in knalligen Farben dargestellt. Natürlich bin ich aber auch neugierig, was es mit den Passionsspiel auf sich hat. Also, das Fahrrad im Stadtzentrum abgesperrt und los: Eine exzellente Ausstellung im Passionstheater klärt mich auf. 1633 gelobten die Oberammergauer nach dem Beklagen vieler Pesttote, alle zehn Jahre ein Passionsspiel aufzuführen. Das Ganze wurde immer größer, erlebte ein Auf und Ab, war immer wieder umstritten und hat sich aber seit der kreativen Interpretation von Spielleiter Christian Stückl modernisiert. Wer einen der 4720 Sitzplätze einnehmen will, kann das entweder bei den jährlich wechselnden Stücken wie „Tyll“ nach dem Roman von Daniel Kehlmann oder „Der Brandner Kasper und das ewige Leben“ tun. Oder er wartet die nächste reguläre Spielzeit ab, 2030! Dann kann er erleben, wie sich der ganze Ort für die Passion begeistert. Mitmachen dürfen nämlich nur die, die mindestens zehn Jahre in Oberammergau wohnen. Also, wer will, jetzt umziehen und 2040 teilnehmen. 2033 gibt es – außerhalb der Regel – das große 400-Jahre-Jubiläum zu feiern.
In Sachen Transparenz: Wir bedanken uns bei „Ammergauer Alpen“ für die freundliche Einladung (Werbung, da Pressereise). Wir stellen nur Hotels, Destinationen und Aktivitäten vor, die wir selbst gestestet haben und die wir auch Freunden empfehlen würden.



















