Der Weg ist das Ziel: zu Fuß von Österreich nach Südtirol
Von einer Alpenüberquerung zu Fuß träumte unsere Autorin Antoinette Schmelter-Kaiser schon lange. Nun hat sie ihren Wunsch in die Tat umgesetzt und ist mit ihrem Mann von Fügen nach Sterzing gewandert – eine lohnende Challenge inmitten grandioser Gebirgslandschaften.
Über die Alpen wandern: Diese Idee ging mir schon lange durch den Kopf. Denn ich bin mit meinem Mann und/oder FreundInnen ebenso regelmäßig wie gerne in den Bergen unterwegs und habe auch schon ein paar mehrtägige Touren absolviert. Dabei konnte ich herausfinden, was mir/uns gut gefällt und wo meine/unsere Grenzen liegen: Die Strecke sollte abwechslungsreich sein, reichlich Ausblick bieten, nur kurze, unschwierige Kletterpassagen enthalten, außerdem Stopps auf hübschen Hütten und idealerweise einen Gipfel als Challenge. Alles über 1000 Höhenmeter Auf- oder Abstieg ist allerdings Gift für mein rechtes Knie, Forstwege langweilen mich schnell und zu viel Touristenrummel empfinde ich als Störfaktor.
Zahlreiche Varianten zur Wahl
Eine Alpenüberquerung entspricht all diesen Vorstellungen. Die Hürde beim Feintuning ist allerdings die Qual der Wahl. Denn es gibt zahlreiche Varianten, was Streckenverlauf, Dauer und Schwierigkeitsgrad angeht. Aber nach und nach kristallisiert sich bei Recherchen eine Variante heraus, die uns machbar erscheint: eine dreitägige Tour von Fügen nach Sterzing, die sich mit An- und Abreise an einem verlängerten Wochenende machen lässt und die ich deckungsgleich im Programm mehrerer Anbieter finde. Übernachtet wird jeweils im Tal, weil die Unterkünfte dort komfortabler sind als Hütten am Berg. Jeweils ein Teil des Auf- und Abstiegs wird mit Bergbahnen oder Bussen absolviert, um Kraft und Zeit zu sparen. Und als Reisedatum kommt Mitte Juni bis Mitte September in Frage, weil da höchstwahrscheinlich (noch) kein (mehr) Schnee auf Höhen bis zu 2.500 Meter liegt.
Organisation auf eigene Faust
Das Ganze könnten wir pauschal buchen. Doch weil wir mit einem befreundeten Paar gehen wollen, organisieren wir das Ganze auf eigene Faust, d.h. buchen zuerst Monate zuvor alle Unterkünfte mit Stornierungsoption, eruieren dann die An- und Rückreisemöglichkeiten per Zug und überprüfen schließlich mit Outdoor-Apps, ob der Routenverlauf, den die wir übereinstimmend bei Anbietern gefunden haben, realistisch ist. Anfang Juli bekommt unser Projekt einen Dämpfer: Unsere Freunde sagen wegen einer nicht ausgeheilten Knieverletzung ab. Nur noch zu zweit klappt der Rest aber drei Wochen später wie geplant. Mit unseren Rücksäcken, die wir vorsichtshalber probegepackt haben, fahren wir mit der Zillertalbahn bis nach Fügen und übernachten dort in einem urigen Bauernhof. Beim Einschlafen blitzt, donnert und regnet es draußen bedrohlich.
Mäßiger Anstieg und Hochnebel statt Sonne
Am nächsten Morgen ist der Spuk vorbei, so dass wir die Gondel zum Spieljoch auf 1.850 Metern nehmen können. Von dort aus geht es über die Gartalm weiter bis zum Loassattel. Der Anstieg ist zum Glück gemäßigt, nur ab und zu dringen Sonnenstrahlen durch den Hochnebel – zwei Faktoren, die uns die erste Etappe erleichtern. Denn über zehn Kilo Gepäck machen sich durchaus bemerkbar – bei mir dank eines körpergerechten Rucksacks von Gregory weitaus weniger als bei meinem Mann, der sich mit einem Uralt-Modell abmüht, das ihm in den Lendenwirbelbereich drückt. Als Wegzehrung haben wir belegte Brote, Obst und Müsliriegel dabei, freuen uns aber mittags auch über eine große Portion Bratkartoffeln mit Spiegelei im zünftigen Alpengasthof Loas und später über eine Portion Apfelstrudel mit Sahne in Hochfügen – unserem heutigen Tagesziel. Kaum sitzen wir im Café, beginnt es auch schon zu schütten. Selbst mit Regenkleidung, die wir vorsichtshalber dabeihaben, wäre das kein Spaß gewesen. Also haben wir Glück gehabt mit unserem Timing.
Traumschöne Stellen zum Rasten
Schon auf dem Weg nach Hochfügen sind wir immer wieder anderen Wanderern begegnet, die offensichtlich die gleiche Tour wie wir gehen – allerdings organisiert und mit Gepäcktransport. Das erkennen wir an ihren kleineren Tagesrucksäcken und Koffern, die am nächsten Morgen abholbereit an der Rezeption unseres Hotels stehen. Auf der Strecke zum Sidanjoch – erst auf Forstwegen vorbei an kleinen Almen, dann auf immer schmaler werdenden Pfaden durch Wiesen und an Hängen entlang – überholen sie mal uns, dann wir sie. Pausen müssen schließlich sein. Denn am zweiten Tag geht es fast 1.000 Meter konstant bergauf, sodass wir auf steileren Abschnitten ins Schwitzen und aus der Puste geraten. Da kommen uns traumschöne Stellen wie ein glasklarer, kleiner Bergsee, in dem sich weiße Wolken am blauen Himmel spiegeln, zum Rasten gerade recht. Oder der Grat oberhalb der Rastkogelhütte mit Breitwandblick auf Inntal, Karwendelgebirge und die Tuxer Alpen. Von dort aus geht es bis zum Melchboden immer gemächlich bergab. Weil an der gleichnamigen Jausenstation die Zillertaler Höhenstraße ihren höchsten Punkt erreicht, treffen wir dort außer Wanderern auch Mountainbiker und Auto-Ausflügler – ein Vorgeschmack auf Mayrhofen, wohin wir über eine kurvenreiche, steile Strecke mit dem Bus fahren und wo wir nach Ankunft einen Zivilisationsschock erleben. Denn so viele Menschen auf einem Fleck sind wir nach zwei Tagen Natur pur nicht mehr gewohnt. Nach dem Abendessen zieht es uns deshalb zurück in unser Hotelzimmer. Außerdem haben wir nach dem vielen Laufen das dringende Bedürfnis, im Bett zu liegen.
Königsetappe über den Alpenhauptkamm
Haben die Muskeln am Abend zuvor auch noch so geziept und die Füße gedrückt, fühlen wir uns am vierten Morgen erstaunlich fit. Überdies lockt die Aussicht auf unsere Königsetappe – die heutige Überschreitung des Alpenhauptkamms. Mit dem vollbesetzten Bus geht es bis zum Schlegeisspeicher, der türkisfarben und umgeben von hohen Bergen majestätisch auf 1.800 Metern liegt. Wasser begleitet uns von dort aus konstant weiter – in der Form von Gebirgsbächen, die durch ein Hochtal mäandern, Wasserfällen, die sich an Berghängen hinunterstürzen, und erneut kleinen Seen, die sich in grasigen Mulden gebildet haben. Die letzten Höhenmeter geht es in Serpentinen zwischen Felsbrocken bis zum Pfitscherjoch-Haus hinauf. Kurz davor passieren wir –zugegebenermaßen sehr stolz –den Grenzstein mit der Aufschrift „Italia“. Denn aus eigener Kraft von Österreich nach Südtirol gelaufen zu sein, ist ein tolles Gefühl. Das trägt uns auch die letzten 1000 Höhenmeter bergab ins Pfitschtal. Am Sonntag fährt von dort aus der Bus nach Sterzing nur alle zwei Stunden. Aber so bleibt reichlich Zeit, um beim Dorfwirt in Pfitsch einzukehren und mit anderen Alpenüberquerern zu plaudern, die heute hier übernachten. Am nächsten Tag geht es für sie zu Fuß noch weiter bis nach Sterzing – was wir uns durch eine Busfahrt sparen.
Neue Pläne für die nächsten Touren
Beim Abendessen in der Altstadt von Sterzing ziehen wir unser Resümee: herrliche Landschaften, gut schaffbare Etappen mit maximal 15 Kilometern, fünf Stunden Gehzeit und 1000 Höhenmeter bergauf oder -ab, überwiegend Sonne und erträgliche Temperaturen – für mich ist ein lang gehegter Wander-Traum in Erfüllung gegangen, aber auch meinem Mann hat unsere Tour gut gefallen. Im Zug zurück über den Brenner schmiede ich begeistert neue Pläne: Vom Ötztal aus soll es ebenfalls eine tolle Alpüberquerung geben. Und auch auf die ligurischen Cinque Terre zu Fuß hätte ich große Lust – vielleicht noch im Herbst oder spätestens nächstes Frühjahr…
In Sachen Transparenz: Die Reise wurde selbst geplant und gezahlt. Wir berichten nur über Hotels und Destinationen, die wir selbst getestet haben und die wir auch Freunden empfehlen würden.










