KINDER, KINDER! Zwischen Repräsentation und Wirklichkeit
Wie wurden Kinder im Lauf von sechs Jahrhunderten in der Kunst dargestellt – und wie prägt dies unsere heutigen Vorstellungen von Kindheit, was hat sich geändert? Jeder und jede war einmal Kind, wurde in einer bestimmten Epoche mit Sitten, Gebräuchen, Mode und anderen Zeitgeistern groß. Die aktuelle Ausstellung im Bucerius Kuns Forum Hamburg ist eine spannende Reise durch Jahrhunderte zu sich selbst – für kleine und große Leute.
Die Ausstellung im Bucerius Kunst Forum Hamburg widmet sich der Darstellung von Kindern und Kindheit in der Kunst: KINDER, KINDER! In sechs Kapiteln entfalten sich politische, soziale und emotionale Dimensionen – von herrschaftlichen Repräsentationsporträts bis zu intimen Momentaufnahmen. Unterschiedliche Perspektiven und Darstellungsformen werden gezeigt: Gemälde, Fotografien, Arbeiten auf Papier, Druckgrafiken, Medienkunst und Skulpturen. Werke aus der Zeit vom 16. bis zum 21. Jahrhundert u.a. von Tizian, Anthonis van Dyck, Oskar Kokoschka, Paula Modersohn-Becker, Nobuyoshi Araki – von Judith Leyster, Christoph Amberger, Gerhard Richter u.v.m.
Wandel der Werte- und Normvorstellungen
Lange galten Kinder als kleine Erwachsene. Die Darstellungen zeugen vom Wandel des Verständnisses vom Kindsein und verdeutlichen gleichzeitig die Bedeutung der Lebensphase Kindheit. Kinderbilder spiegeln in besonderer Weise auch die Werte- und Normvorstellungen einer Gesellschaft und deren Wandel wider. So lassen sich anhand dieses Sujets etwa gesellschaftliche Strukturen und Machtverhältnisse ablesen.
Herkunft, Status und mitunter auch das Geschlecht spielen hierbei eine wichtige Rolle. Gesellschaftliche Gruppen haben sich in der Inszenierung ihrer Kinder gegenseitig beeinflusst und zugleich ihre eigenen Abbildungen angepasst. Wie Kinder heute in der bildenden Kunst gezeigt werden, hängt also auch immer mit der Rezeption von Kinderbildern aus früheren Zeiten zusammen. Derartige Querverweise und Prägungen der Vergangenheit bis heute legt die Ausstellung offen und stellt dabei auch wiederkehrende Muster fest. Sie beginnt mit der Präsentation von Madonnendarstellungen, in welchen die Vorstellungen von Mutter-Kind-Beziehungen und ihr Einfluss deutlich wird. Eines der jüngsten Darstellungen ist dann das Foto von Rineke Dijkstra 2022: ein junges Mädchen, auf deren Gesicht das Licht des Displays ihres Mobiltelefons fällt.
Um 1500 sollte das Kinderporträt den Fortbestand und Herrschaftsanspruch der Familien untermauern
Der Vater hingegen tritt meist in den Hintergrund. Erst wenn es darum geht, den Stammhalter der Familie vorzustellen, zeigen sich die Väter stolz und bewusst an der Seite ihres jungen Nachwuchses: Anrührend etwa das Bild des Malers Gutmann von 1911, der seine Tochter Elisabeth liebevoll in den Armen hält. Gemalt hat es sein Freund, der Maler Heinrich Eduard Linde- Walther.
Bis in die Moderne sind intime Vater-Kind-Bilder eine Seltenheit. In adeligen Kreisen um 1500 entstanden, sollte das Kinderporträt den Fortbestand und Herrschaftsanspruch der Familien untermauern. Vor diesem Hintergrund werden die Thronnachfolger oftmals in Rüstung präsentiert. Dies ging mit ihrer zukünftigen Rolle als Feldherr und Herrscher einher.
Eine spielerische Variante ist das Portrait historié, bei dem die Kinder beispielsweise als antike Götter dargestellt wurden. Töchter wurden bereits im jüngsten Alter aus heiratspolitischen Gründen abgebildet. Durch strategische Eheversprechen und frühe Verheiratung konnte der eigene politische Einfluss und die territoriale Macht ausgebaut werden.
Im Laufe des 16. Jahrhunderts bildete auch das gehobene Bürgertum ihre Kinder im Porträt ab, wenngleich auch weniger aufwändig. Im 17. Jahrhundert dann wurde das repräsentative und extravagante Kinderporträt in den wohlhabenden Kreisen zunehmend populär.
Das Motiv armer Kinder
Gerade im 17. Jahrhundert griffen niederländische und spanische Genremaler das Motiv armer Kinder auf, das bis heute fortlebt. Dabei ging es den Künstlern nicht unbedingt darum, einen gesellschaftskritischen Standpunkt einzunehmen. Denn nicht selten ist den Kindern in finanziell benachteiligten, oft auch prekären Lebenssituationen ein Lachen in das Gesicht geschrieben. Kinderarbeit wurde auch nicht grundlegend abgelehnt. Man sah darin einen positiven Beitrag, den die Kinder, zum Familieneinkommen beisteuern konnten. Erst 1874 beispielsweise wurde Kinderarbeit in den Niederlanden verboten.
Kindgerechte Räume gab es erst Ende des 18.Jahrhunderts
Der gravierendste Wandel, der von einer anderen Auffassung und Definition von Kindheit zeugt, fand erst Ende des 17. Jahrhunderts und im 18. Jahrhundert statt. Nun gestand die Gesellschaft Kindern eine möglichst naturnahe Entwicklung zu – möglichst abseits der Welt der Erwachsenen. Auch das Kinderzimmer erlangte zunehmend an Bedeutung, und Spielzeug sowie spezielle Kinderliteratur wurden als grundlegende Elemente seiner Ausstattung betrachtet. So gehört das Thema „Kindsein” in der bildenden Kunst bis heute zu den beliebtesten Bildthemen: Sich-Ausprobieren, an die Grenzen gehen, Zeichnen, Spiel und Miteinander sind prägend für die wichtigste Lebensphase des Menschen. Ein Einblick in die Welt junger Menschen von heute: Das Werk der niederländischen Fotografin Rineke Dijkstra zeigt „Julia, Amsterdam, 7. März 2022“. Es hängt im Koninglijk Kabinet Mauritshuis Den Haag.
Fotografien verdeutlichen, wie unterschiedlich Kinder global und strukturell bedingt bis heute aufwachsen. So ist die Straße und nicht das Kinderzimmer für viele Kinder der Ort, an dem sie zusammenkommen, sozial interagieren und gemeinsam spielen. Wie sich die Darstellung von Kindern über die Jahrhunderte verändert hat, wird im Besonderen durch das Kindertotenporträt deutlich: Früher waren Bildnisse verstorbener Kinder neben Totenmasken das einzige Mittel, um sie Erinnerung zu bewahren. Heute erfolgt das Gedenken auf andere Weise – etwa durch lebensnahe Fotografien, welche Kinder in glücklichen Lebenssituationen zeigen.
Fazit: Ein Trip in die eigene Kindheit – Die Ausstellung ist sehr facettenreich in der Präsentation unterschiedlichster Kindheiten! Reiche und arme Kinder, berühmte und unbekannte, geliebte und ungeliebte Kinder, glückliche, traurige und sogar Kinderauf dem Totenbett. Die gesamte Ausstellung ist für Erwachsene wie für Kinder eine anregende, auch aufwühlende Reise zu sich selbst: Wie war meine Kindheit!? Welche Bilder gibt es von mir!? Wie wurde ich dargestellt!?
In Sachen Transparenz: Wir bedanken uns beim Bucerius Kunst Forum für die freundliche Einladung zur Ausstellung (Werbung). Wir stellen nur News online, die wir für interessant für unsere Leser halten.







